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Ueber die Ehrlichkeit von Fremden

Es gibt eine besondere Art von Wahrheit, die nur in der Naehe von Menschen zum Vorschein kommt, die dich noch nicht kennen. Der Fremde auf einem langen Flug, der von der Scheidung erfaehrt, bevor es deine eigene Schwester tut. Der Barkeeper, der den wahren Grund erfaehrt, warum du an einem gewoehnlichen Dienstag trinkst. Die Person, die du nie wiedersehen wirst und die irgendwie die Version der Geschichte bekommt, die du seit Wochen im Kopf geprobt hast, ungeschnitten, weil es keine Beziehung mehr zu schuetzen gibt.

Es scheint verkehrt. Wir verbringen Jahre damit, die Menschen aufzubauen, die uns am besten kennen sollen - jene, die sich an unsere Geburtstage erinnern, die uns in unseren schlechtesten Momenten gesehen haben, von denen wir annehmen, sie haetten sich mittlerweile die ganze Wahrheit verdient. Und doch passiert oft das Gegenteil. Je naeher jemand ist, desto mehr steuern wir, was wir ihm erzaehlen. Nicht aus Unehrlichkeit, sondern aus Fuersorge. Wir wissen genau, wie er reagieren wird, was bedeutet, dass wir schon zu redigieren beginnen, bevor wir den Mund geoeffnet haben. Ein Gestaendnis gegenueber jemandem, der dich liebt, ist nie nur ein Gestaendnis. Es ist auch eine kleine Verhandlung darueber, was diese Person nun mit sich tragen muss.

Was Distanz wirklich einbringt

Ein Fremder veraendert die Rechnung. Er hat keine gemeinsame Geschichte mit dir zu schuetzen, kein Bild von dir zu bewahren, kein Interesse daran, wie die Geschichte endet. Was auch immer du ihm erzaehlst, kommt an und verschwindet dann meist wieder - er kehrt in sein Leben zurueck, du in deins, und die Worte muessen danach nirgendwo mehr wohnen. Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet, dass du die unvorteilhafte Version erzaehlen kannst. Die, in der du kleinlich warst, oder aengstlich, oder im Unrecht. Die, die du niemandem geben wuerdest, der dich auch morgen noch lieben muss.

Wir glauben, das ist mit ein Grund, warum uns Menschen schreiben. Nicht weil ihnen Menschen fehlen, denen etwas an ihnen liegt - den meisten fehlen sie nicht - sondern weil Fuersorge einen Preis hat, und man manchmal einfach etwas ablegen will, ohne jemanden zu bitten, es aufzuheben. Ein Brief an jemanden in genau der richtigen Distanz gibt dir die Ehrlichkeit des Fremden, ohne seine Gleichgueltigkeit. Jemand hoert zu. Niemand muss mit dem leben, was du gesagt hast.

Wir glauben nicht, dass dies die Menschen ersetzt, die dir nahe stehen. Wenn ueberhaupt, vermuten wir das Gegenteil - es gibt dem Satz einen Ort, an den er zuerst gehen kann, sodass du, wenn du bereit bist, ihn jemandem zu sagen, der zaehlt, schon gehoert hast, wie er laut klingt. Manchmal ist genau dafuer ein Brief da: ein Ort, um die Wahrheit zu ueben, bevor du sie jemandem anvertraust, der sich daran erinnern wird.